Beispiele für den Churerdialekt


Älteres Textbeispiel (Transkription einer historischen Aufnahme)

Christina Zinsli-Saluz : Khuurer Originaal

Die Tonaufnahme ist hörbar auf
https://kulturforschung.ch/cp/collections/pages/entries/c76ee9a8-9625-4b7a-8ba5-a48e543f4927#content

Ärgera hät er sich den müassa, wenn im d Puaba das Schprüchli nòògrüaft hend, wo si grad für in gmacht hend:


Dr Toni Jeckli(n)
hät sibzäha Schwii 

und achtzäha Gaiss


und khaini sind faiss.


Denn isch är den elend ertaubet, hät si Bääsa knu und isch denna Schlingla nohagwaiblat. Das hends natürli grad wela, den si … khaina … är hät nia aina kriagt.


Dr Toni hät si(ch) sus gäära bi dr Arbet a bitz vertwiilat und a bitzli um- magschwätzt. Und psunders d Offiziar sind siini Fründ gsii. Zum khönig- lich-khaiserlicha Oberfeldzeugmaischter von Salis, wo im Salishuus in dr Poschtschtroos ufkwaksa-n-isch und mit am Toni sogär in d Schuel ggange- n-ischt, dem hät er den öpa uf dr Schtròòs gsait: „Jo, jo, du Daniel häsch as witer pròòcht as ii!“ Wenn er aber vu siim Fründ Salis ggredt hät, denn hät er nu gsait – nu: „Dr Züghusverwalter Salis.“

An andera Herr isch amòòl khoo und hät im adjö sääga wella, dem Toni, und hät gsait: „So, jetz gooni go Bern haim. Und wenn du Toni amòòl au döt abkhusch, denn khum mi denn go psuacha.“ Dä hät aber nit lätz gluagat, wo dr Toni würkli anmòòl z Bern vor siiner Tüür kschtanda-n-isch. „Jo Toni, was tuesch denn du dòò?“, hät er gsait. – „I bin uf dr Hochzitsrais.“ – „Und wo häsch denn diini Frau gglo?“ – „Dia hanni dahaim gloo. Für zwai z raisa isch es z tüür!“

Waisch wär d Rhäzünser Schluanza ksi isch? A khliins, verhutzlats Wiibli mit ara langa schpitziga Naasa, an armi Gguttera. Vo Rhäzüns isch si in d Schtadt aabakhoo, z Fuas natüürli, Iisabaan hemmer dua no khaini kha. Am Aarm hät si immer a Khorb volla Aier kha, Aier, wo-n-era am Wääg öppa begegnat sind. Grad knao hät sis halt nia kno. Khlaider hät si akhaa – phüatis – natüürli alles zemmapättlati. So isch si sogäär amool mit ama langa Schläppakhlaid vu üüsarer groossa Leerari dur d Schtadt gwaiblat. Vorna hät sis ufakheftat kha, sus wäär si natüürli drübargschtolparat. D Schläppa-n-aber hät si hinna-nooha-zooga und drmit Khuurer Schtròòsa gwüscht, bis nu me d Fätza dra gsi sind. – Aber ao a Schaar Khuurer Goofa sind immer um si umma ksi und hinter era häära. Mit dena hät si gmuulet. Und je mee si gmuulet hät, um so schööner ischs halt gsii.

Dia Härra Advokaata Ganzoni und Calonder, dää wo schpööter Bundesròòt khoo isch, hen grad iara Büro òfatua. Dòò khunt as erschta Khunda ama Morga d Rhäzünser Schluanza zur Tür iina. Si hät halt wella am rächta Ort dia Khuurer Goofa go verklaaga.

Jòò du Rhäzünser Schluanza und iar alli alti luschtigi Mennli und Wiibli, iar hend halt doch zum lieba-n-alta Khuur khöört.

Das hemmer z Khuur uufknuu am füfta Jänner Nünzehundertfufzg. 

Kommentar zum Text


Der Text stammt von einer Originalaufnahme, die von Prof. Paul Zinsli 1950 erstellt worden ist. Bei der Sprecherin handelt es sich um dessen Mutter. Der Text spiegelt ein Churerdeutsch, wie es etwa um 1890 gesprochen worden ist.

Gegenüber dem heutigen Churer Dialekt weist die Sprache von Frau Zinsli einige Abweichungen auf.

Auf der Ebene der lautlichen Ausgestaltung ist etwa Folgendes zu erwähnen:
 Die Gewährsperson wechselt bei der Aussprache von ‚ch‘ zwischen h, weichem ch und krachenderem ch; weist hier also eine grosse Variationsbreite auf. In phonetischer Schrift sind diese Varianten mit den Zeichen [h, ç, x] wiederzugeben. Dieses Phänomen vermittelt der Mundart von Frau Zinsli etwas Weiches, etwa in Wörtern wie Sprühhli, sibzäha, nòhagwaiblet etc.

Früher wurde im Churer Dialekt zwischen langem offenem üü und langem geschlossenem üü unterschieden, und zwar so, dass diese Unterscheidung zur Differenzierung zwischen Wörtern genutzt werden konnte. Bei Frau Zinsli zeigt sich dies noch deutlich im Wortpaar tüür – Tüür. Die offene Qualität meint ‚teuer‘, die geschlossene ‚Türe‘. Im heutigen Churerdeutsch wird in der Regel aussprachemässig nicht mehr unterschieden. Statt Tüür wird oft Tüüra eingesetzt, was die Unterscheidung tüür – Tüür überflüssig macht.

Die für die Churer Mundart so typische a-Haltigkeit in den Endungen taucht auch bei Frau Zinsli auf, allerdings reicht die Variantenbreite von kaum hörbarem [ ə] kontinuierlich bis zu verschiedenen a-Schattierungen.
 Der Doppellaut in ‚Frau‘ wird von Frau Zinsli als ao realisiert. Die o-Haltigkeit des zweiten Diphthongelements taucht heute kaum mehr auf.

Für ‚heim‘ setzt Frau Zinsli haim mit m am Wortende. Offenbar wurde die heute geläufige Form ohne m als unfein empfunden, wie einer Publikation ihres Sohnes Paul Zinsli entnommen werden kann.

Die Perfekt-Verbform ‚wir haben aufgenomen‘ lautet bei Frau Zinsli: das hemmer uufknùù, und nicht wie heute üblich uufknoo oder moderner auch uufknòò. Damit ist die Mundart der Gewährsperson noch nahe an den Formen der Bündner Herrschaft.

Vom Wortschatz her ist auffallend, dass Frau Zinsli noch die doppelsilbigen Varianten einsetzt, wo heute in der Regel die einsilbigen Formen Überhand gewonnen haben. ‚Siebzehn‘ lautet entsprechend sibzäha und nicht sibzeennòha-gwaiblatund nicht nòògwaiblat. Am Anfang unseres Beispiels allerdings setzt auch Frau Zinsli schon ein einsilbiges nòògrüaft statt nòhagrüaft.

In der Bezeichnung der Richtung braucht Frau Zinsli go Bern, was heute von älteren Gewährspersonen allenfalls noch mit uf Bern und von jüngeren Churerinnen und Churern in der Regel mit nòch Bern realisiert wird. Es heisst im Text auch: wenn au döt aabakhunsch; für die Churer war/ist offenbar alles, was aus dem Churer Rheintal herausführt mit „unten“ gleichgesetzt, unabhängig davon, wie hoch sich die Ortschaften effektiv befinden und ob sie nördlich oder südlich von Chur liegen.

Im Vokabular von Frau Zinsli tauchen einige Wörter und Ausdrücke auf, die heute nicht mehr so geläufig oder eher von anderen Dialekten her bekannt sind: 

faiss für ‹fett›
ertauba für ‹böse werden›
sich vertwiila für ‹Pause machen›
d Schluanza für ’schlecht gekleidete Person›
a Gguttera für ‹Flasche›
bis nu mee für heute nu no

Als weitere Besonderheiten sind zu erwähnen:

Khlaider hät si khaa, alles zämapätlati. Es handelt sich hier natürlich um einen Einzelbeleg, dessen Aussagekraft nicht so eindeutig ist. Es ist aber doch erstaunlich, dass das Adjektiv hier dekliniert wird wie in den Walser-Dialekten. Heute würde man eher sagen: Khlaider hät si khaa, alles zemmapätlat. 

Dä, wo Bundesròòt kho isch. Die Passiv-Form wird hier mit Selbstverständlichkeit nach romanischem Muster gebildet: är isch kho heisst ‚er wurde‘.

Die Churer Neustadt. (Foto Oscar Eckhardt)

Neueres Textbeispiel

Quatsch mit Sossa

Imana so-n-a Khonsumenta-Heftli lääsi, dass a Tschuppa Täschtässer Fertig-Tomata-Soossa deguschtiart hät. – Ds Positiva zeerscht: dia Tomaata-Soossa sind us Tomaata gmacht – und daas ooni Uusnaam. Und as schtoot in dem Täschtpricht au nüüt dinna, dass ma Rattaschwenz oder Hundedrägg drii gfunda hei.

Trotz allem aber hend dia Soossa im Urtail vu da Täschtässer zum Tail hundsmiseraabel abgschnitta. Dia ainta Soossa seiand zwoor durchuus ääsbar, haissts, dia andera aber schmeggandi vu fuulam Khartoon, gsächandi uus wia schu amool ggässa, heiandi a pittara Gschmack oder seiandi z süass wia Kätschöp.

Ii bin natüürlich froo, dass i noch nia so-n-a Widerkhäuer-Soossa verwütscht han. Aber i sääga-n-eu, das isch raina Zuafall.

Ds eerschta persöönlicha Fazit für mii isch nemmli daas: Uf da Priis khamma au bi da Fertig-Soossa nit goo. Dia zwai tüürschta Soossa sind dia zwai grüüsigschta. Und dia zwai beschta khoschten khai Vermööga.

Ds zwaita persöönlicha Fazit für mii: dia aigna Soossa sind immer noch dia beschta, säb hanni aber vorhäär schu gwüsst.

Ds dritta persöönlicha Fazit: Wemma das Khonsumenta-Heftli a Siita witer blätteret, denn gsiat ma, dass bim Täscht vu da Tusch-Scheel siba vu zäha Produkt guat bis seer guat abschniidand. Drum tuan ii in Zuakhumpft bimana schpoontaana Hunger gschiider as Tusch-Scheel uf d Taigwaara als a Fertig-Soossa.                                                                  Eura Osci