VILATERLAI


Churer Bilder und Geschichten

Aus dem Vorwort

Vor langer Zeit,

da gab es in Chur noch keine Autos, statt Lastwagen verkehrten Zwei- und Vierspänner auf den Gassen. Und dort, wo der heutige Arcas die Gäste zum Verweilen einlädt, standen noch Magazine. Und alles war ziemlich düster. Die Wohnungen hatten zum Teil kein fliessendes Wasser, gebadet wurde im Volkshaus. Telefonistinnen stellten noch von Hand Telefonverbindungen her. Die Telefonnummern setzten sich noch aus drei Ziffern zusammen. Und wer in der Migros einkaufen ging, wurde schief angesehen; denn die Migros wurde als Bedrohung für das einheimische Kleingewerbe angesehen. Schüler der katholischen Hofschule ärgerten die Schüler der eher reformierten Stadtschule, und umgekehrt natürlich auch. Pfarrherren und der Sittenverein sorgten dafür, dass Zucht und Ordnung herrschte, dass an kirchlichen Feiertagen die Schaufenster verhängt werden mussten und keine unanständigen Kunstdrucke ausgestellt werden sollten. Und im Norden von Chur, am Bodensee, tobten zwei Weltkriege, die den Alltag in Chur in irgendeiner Form mitbestimmten, sei es, dass Flugzeuge über Chur hinwegzogen, dass Flüchtlinge Schutz suchten, oder dass schlichtweg die Väter monatelang von zu Hause weg waren.

Wenn wir uns die oben dargestellten Fakten vor Augen halten, dann denken wir, das müsse alles schon ewig lange zurückliegen. Tatsache aber ist, dass es heute noch zahlreiche ältere Churerinnen und Churer gibt, die das alles miterlebt haben. Aus heutiger Sicht lebten diese Mitbewohner in einer anderen – uns unvorstellbaren Welt. Und doch ist das alles noch gar nicht so lange her. Das heute selbstverständliche Internet wurde erst Anfang der 1990er-Jahre öffentlich nutzbar. Das Natel-C-Netz kam in der Schweiz 1987 auf den Markt. Steve Jobs stellte das Ur-iPhone 2G am 9. Januar 2007 der Welt vor und revolutionierte damit das Smartphone. In der Jugendzeit unserer Informantinnen und Informanten hätte niemand daran geglaubt, dass es je solche technische Innovationen überhaupt geben könnte. Unvorstellbar war schon, dass heute jeder Haushalt mit Waschmaschine, eigenem Bad und fliessend warm- und kalt Wasser ausgestattet sein würde.

Wir haben vor sechs Jahren zum ersten Mal und dann immer wieder ältere Churerinnen und Churer besucht, sie nach ihren Erinnerungen befragt. Dabei sind natürlich auch nostalgische Geschichten aufgetaucht, Beschreibungen von Churer Originalen, schöne Jugendstreiche und lustige Anekdoten. Daneben aber haben wir Tragisches gehört und von zahlreichen Fakten erfahren, die in keinem Geschichtsbuch stehen. Die Erzählungen unserer Informantinnen und Informanten sind also zugleich nostalgische Zeugen einer vergangenen Zeit, aber auch historische Dokumente zur Churer Alltagskultur, zu den damaligen Wertvorstellungen und zur persönlichen Wahrnehmung historischer Ereignisse.

Um die Authentizität der Erzählungen nicht zu zerstören, haben wir uns bei der Verschriftung der Erzählungen relativ nahe an die Originalerzählweise unserer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner gehalten. Sätze werden dabei angefangen, mit anderen gekreuzt und mit einem dritten Satzinhalt beendet. Es tauchen Grammatikfehler auf; die Satzstrukturen sind zum Teil so, wie sie die Deutschlehrer uns verboten haben: und dann … und dann … und dann … Aber so ist gesprochene Sprache. Die Texte werden damit nicht nur zum Zeugnis einer früheren Zeit, sie werden auch zum Zeugnis der gesprochenen Sprache von Chur. Bei den einen hört man noch die Unterländer Mutter durchschimmern, bei den anderen ist es der Ausbildungsaufenthalt im Unterland, alles Realitäten und Auswirkungen der Biographien unserer Gesprächspartner. Das viel gepriesene „echte“ Churerdeutsch gab es offenbar schon damals nicht mehr. „Vilaterlai“ Sprachausformungen haben gewisse Wendungen, Konstruktionen und Wörter, die heute den churerdeutschen Alltag prägen, vorweggenommen und befördert.

Unsere Informantinnen und Informanten haben uns auch ihre Fotoalben geöffnet und Bilder aus dem privaten Album zur Verfügung gestellt. Damit können wir zahlreiche Bilder präsentieren, die bisher noch nie veröffentlicht wurden. Zudem haben wir im Stadtarchiv und in privaten Sammlungen nach weiterem, unverbrauchtem Fotomaterial gesucht, das die Stimmung der vergangenen Zeit einfängt und die Aussagen der Informanten illustriert. So wie die Texte lösen auch die Bilder teilweise ungläubiges Staunen aus. Uns heute selbstverständlich erscheinende Quartiere waren schlichtweg noch nicht vorhanden. Prächtige Gebäude wurden geschleift, wichtige „Zeitzeiger“ zerstört, die Altstadt mit Neubauten verfremdet. In der Erinnerung sind sie aber noch da, die alten Gebäude mit ihren Bewohnerinnen und Bewohnern, mit ihren Läden und ihren Geschichten.

Die Erinnerungen unserer Informantinnen und Informantinnen setzen ungefähr im Jahre 1910 ein, als Erzählenhören von ihren Eltern. Im Jahr 1900 wies Chur noch 11‘718 Einwohnerinnen und Einwohner auf, im Jahr 1935 bereits 16‘644, im Jahr 1950 dann 19‘083 und bis 1970 erfolgte der sprunghafte Anstieg auf 31‘303. Aus dem Dorf Chur ist in kurzer Zeit eine Stadt geworden, die weit über die Stadtmauern hinausgewachsen ist. Bei den Gesprächen mit unseren Informantinnen und Informanten haben wir immer wieder festgestellt, dass man sich „damals“ kannte. Die Geschichten überschneiden sich teilweise. Die einen haben bestätigt, was die anderen angeschnitten haben und es ausgeführt. Und bei allen Erzählenden ist eine grosse Liebe zur „Heimatstadt“ Chur herauszuspüren, auch wenn sie schon seit einiger Zeit nicht mehr in Chur wohnen.

Die Aussagen unserer Informantinnen und Informanten haben wir nicht weiter überprüft. Vielleicht stimmen einige Jahreszahlen und Angaben nicht genau mit den historischen Fakten überein. In den Bildlegenden und Kommentaren zu den Fotos versuchten wir aber, möglichst genau zu sein. Manchmal fanden wir Quellenangaben, die eine Datierung und Lokalisierung möglich machten. Manchmal waren wir auf die Informationen unserer Informantinnen und Informanten angewiesen, manchmal konnten wir die Fakten nicht genauer bestimmen, so dass wir eine ungefähre Positionierung vornahmen. Wir bitten um Verständnis, falls sich irgendwo Fehler ergeben haben.

Die Fotos stammen aus dem Stadtarchiv Chur, dem Staatsarchiv Graubünden, aus der e-pics-Bildersammlung der ETH-Bibliothek, aus verschiedenen Publikationen, aus privaten Sammlungen und aus persönlichen Fotoalben unserer Gesprächspartner. Insbesondere bedanken wir uns bei lic. phil. Susanna Kraus Casutt, bei Dr. Ulf Wendler (Stadtarchiv Chur) und bei Franziska Gredig Steinmann (Staatsarchiv Graubünden) für ihre Unterstützung bei den Recherchen in den Archiven. Wir danken allen öffentlichen Archiven und privaten Eigentümerinnen und Eigentümern, sowie im speziellen Postkartensammler Max Dendorfer, dass sie ihre Abbildungen sowie dazugehörige Informationen grosszügig für eine Veröffentlichung zur Verfügung gestellt haben. Den noch lebenden Fotografen danken wir für die Überlassung der Publikationsrechte. Ausserdem sind wir Marcel Cavelti für die Aufnahmen für das Postkartenset und die Panoramaaufnahme in der Mitte des Buches zu Dank verpflichtet. Wir haben uns bemüht, sämtliche Rechteinhaber anzugeben. Falls wir eine Quelle ungenau oder unvollständig notiert haben, entschuldigen wir uns für dieses Versäumnis und bitten darum, uns zu informieren.

Wir danken allen Beteiligten, die uns bei der Herausgabe dieses Buches unterstützt haben und uns mit ihrer Begeisterung davon überzeugt haben, dass sich die Arbeit lohnt. Während der Vorbereitung der Publikation haben wir immer wieder gespürt, wie Bilder und Texte Diskussionen auslösen, wie Erinnerungen wachgerufen wurden, wie jeder und jede selber einen Beitrag zum Buch hätte leisten können.

Chur, Dezember 2015, Oscar Eckhardt und Patrick Blumenthal

PDF-Beispiele aus dem Buch

Domenic Cantieni

Gaudenz Schmid

Alexanderstrasse

Das Buch kann in allen Buchhandlungen oder über die Konttaktadresse dieser Website bestellt werden.

Beitrag im Regionaljournal Graubünden

https://www.srf.ch/news/graubuenden-vilaterlai-oder-der-besondere-blick-auf-alt-chur